Vom vermüllten Hinterhof zum Naturgarten

Beitrag teilen:

350 m²

Privatgärten klein (bis 500 m2)

Hamburg, 20249 Hamburg

Naturgarten „1-54-56“ (7 Personen)

Der Ort des Geschehens
Mitten in Hamburg-Eppendorf, in der Nähe von Kellinghusens Park, gibt es den Altbau-Komplex aus drei Mehrfamilienhäusern (Baujahr 1901) auf der Ecke Woldsenweg 1/Eppendorfer Landstr. 54 und 56 mit einem hinter den Häusern in Richtung Park gelegenen Hinterhof.
In den drei Häusern leben auf fünf Etagen ca. 40 Mietparteien. In den Erdgeschossen gibt es sieben Gewerbemieter, davon ein Lokal (seit Januar 2025 das „Maison Tanuki“). Die Mieterstruktur ist divers: Mehrere Familien mit Kindern, Alleinerziehende mit Kind(ern), Einzelpersonen und Paare, ältere und z.T. hochbetagte Menschen mit altersbedingten (Bewegungs-)Einschränkungen, die seit Jahrzehnten dort leben. Der Hinterhof (ca. 350 m²) ist grundsätzlich allen Mietparteien zum Gebrauch überlassen, leider nicht barrierefrei zugänglich.

Die Ausgangssituation bis 2022
Eine regelmäßige gärtnerische Gestaltung und Pflege des Geländes durch die Eigentümer oder die Verwaltung fand seit vielen Jahren kaum noch statt. Niemand nutzte daher diesen Hinterhof; er ist kühl und schattig, die Gehölze waren ungepflegt,  verkahlt und teilweise abgestorben, Haus- und Sperrmüll lagen überall herum, und nach Regengüssen roch es modrig-muffig. Es gibt Menschen im Haus, die seit Jahrzehnten dort wohnen, aber noch nie den Hinterhof betreten hatten. Nur die kleine Terrasse hinter dem Ladengeschäft im Erdgeschoß der Nr. 56 diente vor Jahren einmal für Raucherpausen der Mitarbeiter*innen. Kurzum: Es war ein trauriger Zustand und eine Vergeudung von Lebensraum für Mensch und Tier mitten in der Großstadt.

Erste gärtnerische Versuche
Der Corona-Sommer 2021 – home office sei Dank – lud in den Arbeitspausen zu ersten Erkundungsgängen in die „terra incognita“ unseres Hinterhofs ein. Schließlich wurden auch die letzten bisher gemiedenen Winkel durchstöbert, die Licht- und Windverhältnisse zu verschiedenen Tages- und Jahreszeiten beobachtet, die Bodenverhältnisse begutachtet und der Pflanzenbestand auf Erhaltenswertes gesichtet: Verschiedene Hortensien, Wild- und Edelrosen, Wurmfarne, zwei Deutzien, Waldgeißbart, Phloxe, verschiedene Funkien, eine Fuchsie, Herbstanemonen, Efeu, ein Rhododendron, drei Stechpalmen, ein Schwarzer Holunder und ein Gingko, der im Herbst einen Teppich aus leuchtend gelben Blättern erzeugt.

Zunächst mündete all das in die Idee, erst einmal mitten in die wuchernde, immer noch zu zähmende „Wildnis“ nur kleine “Inseln“ mit Knollen und Stauden zu pflanzen um zu schauen, ob und wie sie sich etablieren, auch wegen der überbordenden Nacktschneckenpopulation. Die Pioniere waren „Umsiedler“ aus meinen Balkonkästen und Kübeln: Schlüsselblume, Clematis, Lerchensporn, Akelei, Gundermann und Löwenzahn; dazu kamen eine Karde und ein Waldscheinmohn als Pflanzenspende von einem guten Freund. Mir dämmerte allerdings sehr bald, dass auf diesem Niveau ein echter Garten nicht zu erreichen war.

Wer in den Ruhestand tritt, sollte ein “Projekt“ haben
Mitte Februar 2022 war es für mich so weit: Keine Verpflichtungen mehr, dafür ausreichend Zeit und Raum, sich “richtig“ um das Gelände zu kümmern. Inspiriert durch das naturnahe Balkongärtnern war klar (großer Dank gebührt Birgit Schattling und ihrem “Bio-Balkon-Kongress“ mit dem Motto “Kann man Tiere pflanzen?“): Ein Naturgarten soll es werden mit allem, was dazu gehört! Und eine menschenfreundliche Oase als Begegnungsmöglichkeit für alle Nachbarinnen und Nachbarn, die Kinder, die Gewerbetreibenden und ihre Gäste – alles ein bescheiden-trotziger Beitrag gegen die allgegenwärtige Naturzerstörung und eine Verneigung in Ehrfurcht vor dem Wunder des Lebens.

Im September 2022 startete die weitergehende Bepflanzung des Geländes mit Stauden, Obststräuchern und Gehölzen als Experiment, da völlig offen war, was sich in diesem (halb-)schattigen Gelände und auf dem vorhandenen Boden überhaupt ansiedeln würde. Eine Birnenquitte machte den Anfang; Freunde, Verwandte und Nachbarn spendeten Storchschnabel, Minze, Vergißmeinnicht, Glockenblume, Frauenmantel, Herbstanemonen, Lupine, Sumpflilien, Mutterkraut; dazu kamen Herbsthimbeere, Stachelbeere, rote („Jonkheer van Tets“) und schwarze Johannisbeere („Titan“), Rhabarber. Nach Entfernung von Unkrautvlies aus dem nördlichen Beet konnten testweise u.a. Ochsenzunge, Aronstab, Akelei, Silberblatt, Lein und Zierlauch gesät werden (vieles davon hat Bestand und ist noch da, vieles ist aber auch gar nicht erst angewachsen oder schnell wieder verschwunden, und die Obststräucher wollen einfach nicht tragen – aber es gibt auch immer wieder Überraschungen, was in einem Schattengarten dann doch so wächst …).
Als ich dann Anfang November 2022 entlang des Kieswegs die ersten Blumenzwiebeln (Narzissen, Scilla, Milchsterne, Puschkinien) in das von Giersch, Japanischem Staudenknöterich (Fallopia japonica), Brennnesseln, Ahornsprößlingen und Drüsigem Springkraut fast komplett bedeckte Gelände setzen wollte, wurde mir klar: Wenn sie überhaupt eine Chance haben sollen, müssen das „Unkraut“ und die Neobiota in einem radikalen Räumungseingriff beseitigt werden.

Die große Umgestaltung
Was ich bereits auf einem schmalen Streifen entlang des Weges für die Zwiebeln und Knollen begonnen hatte, nämlich Abheben der Vegetationsschicht und Ausgraben der Wurzeln und Knöterich-Rhizome, erschien nun zwangsläufig im gesamten südwestlichen Teil des Gartens erforderlich (ca. 250 qm). Als besonders aufwändig entpuppte sich die Ausrottung des Staudenknöterichs, dessen verzweigte und tief wurzelnde Rhizome vollständig ausgegraben und penibel entsorgt werden müssen, um eine erneute Ausbreitung zu verhindern (in diesem Hinterhof  nur per Hand möglich). Dabei fielen eimerweise (Haus-) Müll, kiloweise Fensterglasscherben und ca. zwei Tonnen Steine und Trümmerteile an, die nach einem Brandbombenschaden am Haus Nr. 54 während des 2. Weltkriegs großteils im Hinterhof niedergegangen, dort „entsorgt“, d.h. nie abtransportiert worden waren und nun ca. 20-50 cm tief, oft auch noch tiefer unter der in gut 80 Jahren entstandenen Vegetationsschicht lagen. Da es keine Möglichkeit gab, die Steine abzutransportieren, werden sie alle wiederverwendet, z.B. für Trockensteinwälle um die Hügelbeete oder die Teiche.

Seither entwickelt sich schrittweise unser Naturgarten weiter, der eventuell sogar als Trittsteinbiotop wirkt, in Verbindung mit dem Naturgarten am “Haus der BUNDten Natur“ in Kellinghusens Park, dem Park selbst und der Initiative “Stadtgemüse Lütte Looge“ in der nahe gelegenen Loogestrasse.

Eine mutige Bewerbung bei der Kampagne „Tausende Gärten – Tausende Arten“ um eine Begutachtung des bis dahin Erreichten mündete im August 2024 in eine Prämierung mit „Silber“ – welche Freude und Bestätigung, dass die Richtung stimmt! Und Anfang 2025 war ein Antrag auf Zuschuss durch das „Bürger:innenbudget“ des Bezirks Hamburg-Nord zur „Förderung des Miteinander in der Nachbarschaft und weiteren Verbesserung des Wohnumfelds“ erfolgreich, zur Finanzierung u.a. eines Rosenbogens, einer zweiten Gartenbank und zwei weiterer Regentonnen à 600l, deren fachgerechten Anschluss ans Fallrohr die Hausverwaltung finanzierte.

Der Garten und die Hausgemeinschaft
Die wochenlangen “Grabungsarbeiten“ im Herbst 2022 – von allen Seiten gut zu beobachten – riefen neugierige Nachbar*innen auf den Plan. Mit vielen, die ich kaum vom Sehen kannte, kam ich zum ersten Mal ins Gespräch: “Sind Sie auf Schatzsuche?“ (Jessica) – “Wird das eine U-Bahn?“ (Heiner) – “Was sagt eigentlich die Hausverwaltung dazu?“ (Björn) – “Sie sind ja völlig verrückt, sich soviel Arbeit zu machen und ihr eigenes Geld dafür auszugeben!“ (Jürgen). Aber auch: “Toll, dass du das machst!“ (Gisela) – “Lasst uns im Treppenhaus alle zum Adventskaffee einladen und du erzählst, was du vorhast!“ (Silvia).
Inzwischen ist die Begeisterung groß, wir sind alle per Du, und viele freuen sich täglich auf’s Neue am Ausblick aus Küchenfenstern und von den Balkonen; die Kinder (Nojan und seine besten Freundinnen Nela und Frieda) wollen wissen “Was kann man hier alles essen?“, “Wo sind die Frösche?“ Auf der Terrasse wird bei großer Hitze ein Hundepool für Poppy, Ida & friends aufgestellt, und seit 2023 gibt es einmal im Jahr im Sommer ein Nachbarschaftsfest bei Kaffee und selbst gebackenem Kuchen, seit letztem Jahr auch mit vegetarischer Pizza aus Jan’s Restaurant Tanuki.

Über unsere Gruppe

Thomas Ruprecht (der Hobby-Gärtner, Mitglied im Naturgarten e.V. und dem NABU) und die Nachbar*innen Gisela, Kathie, Silvia, Jan (Restaurant Tanuki) sowie Iwan und die Hausverwaltung Rosenhof GmbH.

Video zu Beitrag

Video ansehen ↗

Vorher- & Nachher-Bilder

Pflanzen & Beete (Jurykriterium)

Tierfreundliche Gartenstrukturen (Jurykriterium)

Aktionen: Wissen & Begeisterung weitergeben (Jurykriterium)

Plan zur Gartenpflege

Die Gartenarbeit (jäten, pflanzen, düngen (Brennnesseljauche), Beete erweitern, Nachbars Kirschlorbeerhecke trimmen, neue Strukturen anlegen usw.) wird von Thomas geleistet, imgrunde wie bei einem Schrebergarten, nur eben ohne Verein und direkt hinterm Haus. Rasenmähen entfällt, da es nur Beete gibt; Gisela hilft beim Gießen, was in einem (Schatten-)Garten mit vorwiegend heimischen Stauden selten und nur nötig wird, wenn es Neupflanzungen gibt oder wirklich einmal zu lange zu heiß ist (zur Verfügung stehen vier Regentonnen mit insgesamt 1800l Fassungsvermögen). Kathie sorgt hin und wieder für Pferdemist-Dünger und Staudenspenden von Freunden im Wendland; die Hausverwaltung und ihre Handwerker stehen zur Verfügung, wenn es bei den Regentonnen oder am Zaun Probleme gibt. Und der „Rest“ sorgt bei Nachbarschaftsfesten für das leibliche Wohl …

Pflanzliste

Pflanzliste – NaturaDB

Jubelbilder