Der Countdown läuft. Sechs Wochen Zeit, sandiger Heideboden, saure Eichenerde und ein verloren gegangenes Saatgutpaket treffen auf den unerschütterlichen Willen, ein echtes Paradies für Wildbienen und Co. aus dem Boden zu stampfen. Ein gärtnerischer Sprint gegen die Uhr, der – hoffentlich – beweist, dass man mit Geduld und Liebe auch ohne großes Budget ein kleines Naturwunder erschaffen kann.
Mächtige alte Eichen raunen sanft im Wind und verleihen den rund 400 Quadratmetern Garten einen ganz besonderen Zauber. Was sich romantisch anhört, entpuppt sich beim Blick auf den Spaten als handfeste Aufgabe. Jahrelang blieb das Areal sich selbst überlassen, ist vom echten Naturgarten allerdings weit entfernt. Die imposanten Bäume werfen nicht nur tiefen Schatten, sondern säuern mit ihrem tanninhaltigen Herbstlaub auch den Boden an. Zu allem Überfluss liegt das Grundstück in der Lüneburger Heide. Reiner Sandboden trifft hier auf saure Eichenerde – eine Kombination, die für mich echtes Neuland bedeutet, da ich bisher nur humose bis lehmige Gärten gewöhnt war.
Als wäre die Bodenbeschaffenheit für mich nicht schon Herausforderung genug, wartet auf der Fläche das botanische Erbe der Vergangenheit: Rhododendren, Lorbeerkirschen und Eiben haben über die Jahre munteren Wildwuchs betrieben. Für die heimische Insektenwelt bieten diese gebietsfremden Gewächse leider kaum einen Mehrwert. Die ersten »Übeltäter« habe ich bereits erfolgreich gerodet, um Platz für Obstbaumkinder zu schaffen. Der Rest der Fremdgewächse muss für den Moment noch stehen bleiben, wird aber langfristig Stück für Stück durch heimische Gehölze ersetzt.
Denn Zeit ist in diesem Umzugssommer Mangelware. Da die Renovierung und Einrichtung des Hauses verständlicherweise Vorrang haben, kann ich erst Mitte Juni den Spaten in die Hand nehmen. Bis zum Ende des Wettbewerbs im Juli bleiben mir also exakt sechs Wochen. Erschwerend kommt hinzu, dass rund 500 heimische Wildstauden am alten Wohnort bleiben mussten und das gesamte Bio-Saatgut beim Umzug spurlos verschwunden ist. Mit im Gepäck sind lediglich einige Walderdbeeren, robuste Kräuter, genügsame Sedum-Arten und ein sehr schmaler Geldbeutel.
Das Ziel steht dennoch fest: Ich starte das große Krabbeln für das kleine Budget. Statt teurer Neueinkäufe setze ich auf die Überlebenskünstler unter den heimischen Wildpflanzen, die perfekt mit Sand und Schatten harmonieren, und nutze das, was da ist. Dieses Projekt ist ein echtes Abenteuer im Zeitraffer. Aus reinen Zeitgründen fokussiere ich mich für den Wettbewerb daher erst einmal auf das Gartenstück direkt vor dem Haus, also auf rund die Hälfte der Gesamtfläche. Was »nebenbei« noch erschaffen werden kann, ist ein Extra, alles andere muss bis zur nächsten Gartensaison warten. Doch eines steht fest: Ich bin fest davon überzeugt, dass man mit einer großen Portion Leidenschaft und Kreativität auch in kürzester Zeit einen wertvollen Lebensraum schaffen kann, der Mensch und Tier glücklich macht.
Hoffnungen & zerplatzte Träume
Tauschgeschäfte im Netz laufen manchmal anders als gedacht
Meine in der Schweiz neu gekauften Umzugskartons – darunter teure Spezialkisten für Geschirr, Gläser und Kleidung – wollte ich auf Kleinanzeigen.de gegen heimische Wildstauden, Halbsträucher und Gehölze eintauschen. Ein nachhaltiger Ansatz und eigentlich eine sichere Win-win-Situation: Wer umzieht, spart viel Geld für neue Boxen und weiß zurückgelassene Pflanzen in guten Händen.
Das erhoffte große Interesse blieb leider aus. Nur wenige Kartons wechselten gegen einen kleinen Obolus oder eine Handvoll Saatgut den Besitzer. Immerhin konnte ich ein paar in die Jahre gekommene Dekostücke ertauschen. Sobald im Herbst die Gartenarbeit ruht, werde ich diese Schätze aufpeppen und damit den Garten verschönern. Alles, was ich für dieses kreative Projekt brauche, wandert momentan in eine große Sammelkiste im Arbeitszimmer. Inspiration finde ich in dem von Sonja Bannick und Stefanie Rathjens im Busse-Seewald Verlag veröffentlichten Buch »Mein nostalgischer Landgarten«.
Ein echtes Highlight bot das tägliche Stöbern dennoch: Ich konnte nämlich in letzter Sekunde einen vom Leben gezeichneten Liegestuhl aus Massivholz vor dem Feuertod retten. Da die Verkäuferin in unmittelbarer Nähe wohnt, rollten Anna und ich die hölzerne Lümmelgelegenheit an einem heißen Junitag kurzerhand zu Fuß nach Hause. Die Restaurierung steht für den Spätsommer auf dem Plan. Zwei günstige, niegelnagelneue Gartenlaternen derselben Anbieterin flankieren jetzt als unerwarteter Bonus die Steintreppe vor meiner Haustür.
Aktueller Stand
Auf den ersten Blick mag mein neuer Garten noch nicht viel hermachen. Doch wer genauer hinsieht, erkennt eine gestalterisch durchaus gelungene, strukturierte und ökologisch wertvolle Umsetzung eines insektenfreundlichen Bauerngartens auf begrenztem Raum. Die Kombination aus festen Pflasterflächen, naturnahen Beeten und flexiblen Pflanzgefäßen nutzt den vorhandenen Platz optimal aus. Schauen wir uns das doch mal genauer an!
1. Insektenfreundlichkeit und Strukturen für weitere Tiere
- Vielfältige Mikrohabitate: Auf engstem Raum biete ich Insekten alles, was sie brauchen. Das Käferrefugium (Reisig- und Totholzhaufen) liefert Unterschlupf. Das links am Sichtschutz angebrachte Insektenhaus (BeeHome) bietet Nistplätze für Wildbienen in direkter Nähe zu den Nahrungsquellen.
- Trockenbiotopelemente: Die kleinen Steingruppen, Kies- und Totholzstrukturen im Terrassenbeet wärmen sich in der Sonne schnell auf. Sie dienen wechselwarmen Nützlingen wie Laufkäfern, Spinnen oder Eidechsen als Sonnenplatz und schaffen offene Bodenstellen für im Boden nistende Wildbienen.
- Sandarium de luxe: Im Grunde genommen ist fast der gesamte Garten ein Sandarium. Gras wächst hier nämlich nur spärlich, sodass es viele offene Sandflächen gibt, die von Wildbienen und einigen Wespenarten auch emsig genutzt werden.
- Sumpf- und Moorbeet: Angelegt mit Annas Hilfe, erlitt mein Sumpf- und Moorbeet durch drei Unwetter massive Rückschläge, sodass ich erneut aussäen und eine Sumpfdotterblume sowie Gemeinen Schwimmfarn dazukaufen musste, damit das Beet nicht so leer ist. Zwar »züchte« ich nun Mücken, aber das dürfte nicht nur die hiesige Vogelwelt, sondern vor allem auch die ansässigen Fledermäuse erfreuen. Außerdem ist das Beet sehr beliebt als Tränke bei vielerlei Insekten.
- Tannenwedelbeet: Tannenwedel sehen nicht nur schmuck aus und sind überdies essbar, sondern in einem stets mit Wasser gefüllten Gefäß auch eine schöne Alternative zu klassischen Insekten- und Vogeltränken. Und das ganz ohne Ertrinkungs- oder Verbrennungsgefahr!
2. Fokus auf Duft- und Naschpflanzen
- Kräuter- und Duftoase: In den großen Pflanzkübeln auf der Terrasse wachsen unter anderem vitale, buschige Minzen. Diese Pflanzen verströmen durch ihre ätherischen Öle intensive Düfte, die Bestäuber magisch anziehen. Wenn die Minze und die Begleitkräuter blühen, sind sie eine absolute Bienenweide.
- Tee- und Limonadenbeete: Meine beiden Hochbeete mit verschiedenen Minzen sowie Gundermann, Zitronenthymian, Zitronenminze und Wilder Malve sind ein beliebter »Treffpunkt« in der Insektenwelt und bieten auch mir den einen oder anderen Genuss im Glas.
- Naschgartenpotenzial: Die auf dem Terrassenboden stehenden Balkonkästen beherbergen Erdbeeren. Sie bieten nicht nur mir bis weit in den Herbst hinein frische Früchte, sondern den Insekten im Frühjahr auch eine wichtige erste Blütentracht. Außerdem habe ich dort, ebenso wie in großen Schalen und einem Erdbeertopf an der Plattform den Kleinen Wiesenknopf (Sanguisorba minor) ausgesät. Die heimische krautige Staude ist auf Halbtrocken- und Trockenrasenstandorten zu Hause und blüht zwischen Frühling und Spätherbst. Da das Wetter in diesem Sommer zwischen Hitzewellen und Starkregen schwankt, habe ich das auch Pimpinelle genannte Rosengewächs bewusst in Pflanzgefäßen ausgesät. Sind die Sämlinge erst einmal zu starken Stauden herangewachsen, dürfen sie im nächsten Frühjahr ins Mischbeet wandern.
- Alte und ewige Gemüse: Im Laufe des Projekts habe ich vielerlei alte und sogenannte ewige Gemüse sowie Salate in Pflanzgefäßen ausgesät und vorerst im gesamten Garten verteilt, um meinem Ideal vom insektenfreundlichen Bauerngarten näher zu kommen. Auch hier gab es durch Hitzewellen, Unwetter und Starkregenfälle etliche Rückschläge zu verzeichnen. Im Moment profitieren deshalb vor allem von den jungen Salat- und Gemüsepflanzen eher die Vögel und nicht die Insekten oder ich. Vorbereitet sind »Second-Hand-Ziegel«, mit denen ich ein Ziegelbeet bauen möchte. Selbstverständlich im Trockenbau, ohne Mörtel. Das Substrat dafür habe ich gegen ausgelesene Bücher eingetauscht – ich muss also nur noch mit dem Bauen loslegen.
3. Gestalterische Einbindung vorhandener Elemente
- Fließende Übergänge: Der kleine, geschwungene Pfad aus Kopfsteinpflaster führt das Auge wunderschön in den Garten hinein und trennt das Terrassenbeet optisch sauber ab.
- Entwicklung des Terrassenbeetes: Der Beetteil links vor dem Haus wirkt im Vergleich zur üppigen Topfparade im Vordergrund auf der Terrasse noch etwas offener, gewinnt aber durch die Struktur der gesetzten Obstbäumchen und die Brombeere sowie die anliegende Holzbegrenzung (Sichtschutz) massiv an Tiefenwirkung. Für den Übergang habe ich einen Teil der noch relativ nackten Fläche zur Bodenverbesserung mit Buschbohnen bestückt und nach deren Aufkommen gemulcht. Der Mulch verhindert, dass der Sand die jungen Pflanzen bei Regen überkrustet und soll über den Winter hinweg die Humusbildung ermöglichen. Nicht zuletzt weist er Käfern den Weg zum Käferrefugium. Das direkt an der Steintreppe angelegte Wildblumenbeet ist wiederholt Unwettern zum Opfer gefallen. Ich hoffe, dass die dritte Nachsaat nun überleben und sich bis zum Herbst zu den Winter überlebenden Stauden entwickeln wird.
Und wie geht es weiter?
Mehr als ein Mal war ich kurz davor, einfach aufzugeben und meinen Beitrag zu löschen. Es war und ist niederschmetternd, wenn mir das Wetter immer wieder einen Strich durch die Rechnung macht. Und dann sehe ich, wie sich die ersten Erfolge zeigen – in Form und Gestalt von Insekten, die hier bei meinem Einzug noch nicht gelebt haben. Oder »meine« Spatzenbande, die, wie ich heute erstmals beobachten konnte, nicht nur das Sumpf- und Moorbeet ins Herz geschlossen hat, sondern den eigentlich nur als Provisorium entstandenen Sandhügel in der Nähe mit wahrer Lust als Sandbad nutzt. Ich überlege nun, wie ich ein großes Sandbad für Vögel dauerhaft in den Garten integrieren kann. Das sind Momente, die Mut machen. Auch und gerade, meine Erfahrungen weiter zu teilen.
Sicher, einige lieb gewonnene Gartengefährten aus vergangenen Tagen werden sich hier wohl eher nicht blicken lassen. Bänderschnecken zum Beispiel treffe ich in meinem Garten kaum an. Die wenigen Exemplare sind vermutlich in meinen mitgebrachten Pflanzen eingereist und fragen sich vermutlich, wo sie hier gelandet sind. Da es jedoch einige Stellen im Garten gibt, in denen sich Tigerschnegel und herkömmliche Nacktschnecken wohlfühlen, lassen sich hoffentlich auch für Gehäuseschnecken kleine Oasen schaffen.
Feuerwanzen vermisse ich sehr. Auch sie scheinen sich auf dem Heidesand nicht wohlzufühlen. Ich arbeite an einer Lösung. Ebenso wie an einer Lösung für Holzbienen, die sich trotz altem Totholz nicht blicken lassen. Vielleicht muss ich auch nur Geduld haben, bis sich bei den Insekten »rumspricht«, dass hier inmitten perfekt gemähter Rasenflächen und Landwirtschaft nach und nach ein kleiner Naturgarten entwickelt.
Einige Projekte für die kommenden Monate stehen schon fest:
- Vergrößerung des Käferrefugiums (August, September, Oktober).
- Anlage eines dauerhaften Sandbades für Vögel (August).
- Basteln verschiedener Futterstellen und Einrichtung einer »Vogelbar« für verschiedene Vogelarten als Ergänzung zum vorhandenen Vogelfutterhäuschen am hinteren Sichtschutz (September, Oktober).
- Trockenbau des ersten Ziegelbeetes und Bepflanzung mit ewigem Gemüse und Salat für den Winter (August, September).
- Pflanzung einer niedrig wachsenden »Gemüse- und Kräuterhecke« als Übergang vom Kopfsteinpflaster zur hinteren Wiese – wo hoffentlich bald der ausgesäte Klee wachsen wird (August, September).
- Setzen von heimischen Frühblüherzwiebeln (August, September).
- Basteln von Gartendeko und Futterstellen aus vermeintlichen Gartenabfällen und Fundstücken (Oktober, November, Dezember). Diese dienen als Geschenke und Inspiration für andere Gartenfreunde.
- Weitere Bepflanzung und Begrünung der Steinmauern mit heimischen Sedum-Arten (2027).
- Austausch der verbliebenen Rhododendren durch heimische Gehölze (2027).
Nicht zuletzt warte ich darauf, dass der Zaun im vorderen Gartenteil ausgetauscht wird, damit ich auch diesen Gartenteil mit heimischen Wildstauden bepflanzen und Beete anlegen kann.
Fazit
Mein kleiner Naturgarten unter dem Motto »Krabbeln unter alten Kronen« zeigt, dass ein insektenfreundlicher Bauerngarten keine riesige Wildblumenwiese, Dutzende von Beeten mit blühenden Blumen oder gar immense Investitionen voraussetzt. Durch das geschickte Zusammenspiel von Totholz, Steinen und strukturgebenden Wegen auf der einen Seite und insektenfreundlichen Stauden und viel Fantasie auf der anderen Seite habe ich in nur wenigen Wochen ein bereits hochfunktionales Trittsteinbiotop geschaffen, das Ästhetik und Artenschutz perfekt vereint.
So darf es gern weitergehen!


