Der Ort des Geschehens
Mitten in Hamburg-Eppendorf, in der Nähe von Kellinghusens Park, gibt es den Altbau-Komplex aus drei Mehrfamilienhäusern (Baujahr 1901) auf der Ecke Woldsenweg 1/Eppendorfer Landstr. 54 und 56 mit einem hinter den Häusern in Richtung Park gelegenen Hinterhof. Eigentümer ist die Familie Groenewold, verwaltet wird die Liegenschaft von der Rosenhof GmbH.
In den drei Häusern leben auf fünf Etagen insgesamt 40 Mietparteien. In den Erdgeschossen gibt es sieben Gewerbemieter, davon ein Lokal (seit Januar 2025 das „Maison Tanuki“). Alle Wohnungen sind ausschließlich Mietwohnungen unterschiedlicher Größe, die Mieterstruktur ist divers: Mehrere Familien mit Kindern, Alleinerziehende mit Kind(ern), Einzelpersonen und Paare, ältere und z.T. hochbetagte Menschen mit altersbedingten (Bewegungs-)Einschränkungen, die seit Jahrzehnten dort leben. Ich lebe seit 2002 im Haus Nr. 54, zusammen mit meinem Lebensgefährten.
Die Nutzung des Hinterhofs (ca. 350 m²) ist nicht Teil der Mietverträge, sondern er ist grundsätzlich allen Mietparteien zum Gebrauch überlassen. Er ist für die Wohnmieter*innen – leider nicht barrierefrei – nur über die Kellergänge, für drei der Gewerbemieter jedoch über direkte Hinterhofausgänge (Fluchtwege) jederzeit zugänglich. Stromanschlüsse sind nicht vorhanden; an der Ostfront der Nr. 56 gibt es einen Wasseranschluss.
Die Ausgangssituation bis 2022
Eine regelmäßige gärtnerische Gestaltung und Pflege des Geländes durch die Eigentümer oder die Verwaltung fand seit vielen Jahren kaum noch statt. Niemand nutzte daher diesen Hinterhof; er ist kühl und schattig, die Gehölze waren ungepflegt, verkahlt und teilweise abgestorben, Haus- und Sperrmüll lagen überall herum, und nach Regengüssen roch es modrig-muffig. Es gibt Menschen im Haus, die seit Jahrzehnten dort wohnen, aber noch nie den Hinterhof betreten hatten. Nur die kleine Terrasse hinter dem Buchladen im Erdgeschoß der Nr. 56 diente vor Jahren einmal für Raucherpausen der Mitarbeiter*innen. Kurzum: Es war ein trauriger Zustand und eine Vergeudung von Lebensraum für Mensch und Tier mitten in der Großstadt.
Erste gärtnerische Versuche
Der Corona-Sommer 2021 – home office sei Dank – lud in den Arbeitspausen zu ersten Erkundungsgängen in die „terra incognita“ unseres Hinterhofs ein. Schließlich wurden auch die letzten bisher gemiedenen Winkel durchstöbert, die Licht- und Windverhältnisse zu verschiedenen Tages- und Jahreszeiten beobachtet, die Bodenverhältnisse begutachtet und der Pflanzenbestand auf Erhaltenswertes gesichtet: Verschiedene Hortensien, Wild- und Edelrosen, Wurmfarne, zwei Deutzien, Waldgeißbart, Phloxe, verschiedene Funkien, eine Fuchsie, Herbstanemonen, Efeu, ein Rhododendron, drei Stechpalmen, ein Schwarzer Holunder und ein Gingko, der im Herbst einen Teppich aus leuchtend gelben Blättern erzeugt.
Zunächst mündete all das in die Idee, erst einmal mitten in die wuchernde, immer noch zu zähmende „Wildnis“ nur kleine Inseln aus Knollen und Stauden zu pflanzen um zu schauen, ob und wie sie sich etablieren, auch wegen der überbordenden Nacktschneckenpopulation. Die Pioniere waren „Umsiedler“ aus meinen Balkonkästen und Kübeln: Schlüsselblume, Clematis, Lerchensporn, Akelei, Gundermann und Löwenzahn; dazu kamen eine Karde und ein Waldscheinmohn als Pflanzenspende von einem guten Freund. Mir dämmerte allerdings sehr bald, dass auf diesem Niveau ein echter Garten nicht zu erreichen war.
Wer in den Ruhestand tritt, sollte ein “Projekt“ haben
Mitte Februar 2022 war es für mich so weit: Keine Verpflichtungen mehr, dafür ausreichend Zeit und Raum, sich “richtig“ um das Gelände zu kümmern. Inspiriert durch das naturnahe Balkongärtnern war klar (großer Dank gebührt Birgit Schattling und ihrem “Bio-Balkon-Kongress“ mit dem Motto “Kann man Tiere pflanzen?“): Ein Naturgarten soll es werden mit allem, was dazu gehört! Und eine menschenfreundliche Oase als Begegnungsmöglichkeit für alle Nachbarinnen und Nachbarn, die Kinder, die Gewerbetreibenden und ihre Gäste – alles ein bescheiden-trotziger Beitrag gegen die allgegenwärtige Naturzerstörung und eine Verneigung in Ehrfurcht vor dem Wunder des Lebens.
Im September 2022 startete die weitergehende Bepflanzung des Geländes mit Stauden, Obststräuchern und Gehölzen als Experiment, da völlig offen war, was sich in diesem (halb-)schattigen Gelände und auf dem vorhandenen Boden überhaupt ansiedeln würde. Eine Birnenquitte (Sorte „Bereczki“) machte den Anfang; Freunde, Verwandte und Nachbarn spendeten Storchschnabel, Minze, Vergißmeinnicht, Glockenblume, Frauenmantel, Herbstanemonen, Lupine, Sumpflilien, Mutterkraut; dazu kamen Herbsthimbeere, Stachelbeere, rote („Jonkheer van Tets“) und schwarze Johannisbeere („Titan“), Rhabarber. Nach Entfernung von Unkrautvlies aus dem nördlichen Beet konnten u.a. Ochsenzunge, Aronstab, Akelei, Silberblatt, Lein und Zierlauch gesät werden.
Als ich allerdings Anfang November 2022 entlang des Kieswegs die ersten Blumenzwiebeln (Narzissen, Scilla, Milchsterne, Puschkinien) in das von Giersch, Japanischem Staudenknöterich (Fallopia japonica), Brennnesseln und Ahornsprößlingen komplett bedeckte Gelände setzen wollte, wurde mir klar: Wenn sie überhaupt eine Chance haben sollen, müssen das „Unkraut“ und die Neobiota in einem radikalen Räumungseingriff beseitigt werden.
Die große Umgestaltung
Was ich bereits auf einem schmalen Streifen entlang des Weges für die Zwiebeln und Knollen begonnen hatte, nämlich Abheben der Vegetationsschicht und Ausgraben der Wurzeln und Knöterich-Rhizome, wurde nun zwangsläufig im gesamten südwestlichen Teil des Gartens fällig (ca. 250 qm). Als besonders aufwändig entpuppte sich die Ausrottung des Staudenknöterichs, dessen verzweigte und tief wurzelnde Rhizome vollständig per Hand ausgegraben und penibel entsorgt werden müssen, um eine erneute Ausbreitung zu verhindern. Dabei fielen eimerweise (Haus-) Müll, kiloweise Fensterglasscherben und ca. zwei Tonnen Bauschutt und Trümmerteile an, die nach einem Brandbombenschaden am Haus Nr. 54 während des 2. Weltkriegs großteils im Hinterhof niedergegangen, dort „entsorgt“, d.h. nie abtransportiert worden waren und nun ca. 20-50 cm tief, oft auch noch tiefer unter der in gut 80 Jahren entstandenen Vegetationsschicht lagen.
Der Garten und die Hausgemeinschaft
Die wochenlangen “Grabungsarbeiten“ – von allen Seiten gut zu beobachten – riefen neugierige Nachbar*innen auf den Plan. Mit vielen, die ich kaum vom Sehen kannte, kam ich zum ersten Mal ins Gespräch: “Sind Sie auf Schatzsuche?“ (Jessica) “Wird das eine U-Bahn?“ (Heiner) “Was sagt eigentlich die Hausverwaltung dazu?“ (Björn) “Sie sind ja völlig verrückt, sich soviel Arbeit zu machen und ihr eigenes Geld dafür auszugeben!“ (Jürgen). Aber auch: “Toll, dass du das machst!“ (Gisela) “Lasst uns im Treppenhaus alle zum Adventskaffee einladen und du erzählst, was du vorhast!“ (Silvia)
Inzwischen ist die Begeisterung groß, wir sind alle per Du, und viele freuen sich täglich auf’s Neue am Ausblick aus Küchenfenstern und von Balkonen; die Kinder (Nojan, Nela und Frieda) wollen wissen “Was kann man hier alles essen?“, “Wo sind die Frösche?“ und seit 2023 gibt es einmal pro Jahr im Sommer ein Nachbarschaftsfest bei Kaffee und selbst gebackenem Kuchen, seit letztem Jahr auch mit vegetarischer Pizza aus Jan’s Restaurant Tanuki.























































