Ich sag´s ganz ehrlich: Mit Bienen, Wespen, Hummeln und diesem ganzen anderen Fluggetier habe ich eigentlich nicht so viel am Hut. Als unser Haus vor zwei Jahren fertig gebaut war, träumte ich von einem Barockgarten, einem klassischen Formschnittgarten mit Buchs. Geradlinige, symmetrische Linien und Ornamente aus Immergrün, sommers wie winters eine gleichbleibend repräsentative Augenweide. “Praktisch auch, dass dann nicht so viel Getier herum fliegen wird, wenn wir auf der Terrasse essen oder eine Kleinigkeit trinken”, so dachte ich.

Also legten mein Mann und ich im Jahr 2017 auf unserem 1100 m² Grundstück munter los. Ein feiner Rasen wurde angesät und 200 Thujas als Grundstücksbegrenzung gepflanzt, akkurat, gleichförmig, Bäumchen neben Bäumchen. Anschließend kamen rund 1000 Buchspflänzchen als Umrandung für unser Haus hinzu, das hatte ich mal in einem Hausbaukatalog gesehen. Auch einige Kübel mit Bauernhortensien kaufte ich, die teuren “Endless Summer”-Züchtungen, die monatelang eine überbordende Blütenfülle versprachen, sehr barock, sehr stilvoll. Ich ging zufrieden in den Winter, im nächsten Jahr sollte das Anlegen des eigentlichen Gartens losgehen.

Dann kommentierte ein Besucher eines Tages meinen bisherigen Gartenstolz mit abwertendem Blick trocken als “absolute ökologische Niete”. Er vertiefte seine Aussage nicht und ich tat es mit einem Lachen ab, aber die Bezeichnung wirkte im Stillen nach. Ich begann, unser Gartengestaltungskonzept aus seiner Perspektive zu überdenken und musste einsehen: Immergrün und Rasen, der Besucher hatte Recht. “Naja, und Ballhortensien…” versuchte ich zu retten. Doch Google erklärte mir schonungslos, dass die riesigen Blütenbälle für Bienen und Hummeln wertlos seien. “Aber die Nachbarn” versuchte ich weiter, mein aufkeimendes schlechtes Gewissen zu besänftigen. “Wir leben auf dem Land, was macht schon EIN Grundstück mit Immergrün? Die Bienen finden doch sicher auch anderswo zu futtern, und außerdem WILL ich diese ganzen Viecher gar nicht auf meiner Terrasse…”. Es folgte eine Zeit der inneren Diskussion. Repräsentativer Formschnittgarten versus ökologisch wertvoll-wildwucherndem Wiesenallerlei. Eine gute Lösung fand ich nicht.

Dann sah ich -eher zufällig- eine Dokumentation der Reihe “Magische Gärten” auf Arte, die mir aufgrund der pompösen, riesigen und häufig sehr beeindruckenden Gartenanlagen immer sehr gefallen. Es ging um ein englisches Anwesen, von einem Theoretiker namens Johnson geplant, der das “Wild Gardening” erfunden und erforscht hatte. Absolut symmetrisch und streng angelegte Beete, bepflanzt mit heimischen Wildpflanzen. “Wozu teure Arten importieren, wenn das Schöne so nah ist?” lautete Johnsons Credo. Das gefiel mir. Vor allem das symmetrische Beetanlegen. Und hinein dann insektenfreundliche Stauden und Kräuter, ja, das könnte gehen! Und so nahm die Überlegung eines Kompromisses erste Formen an.

Das Jahr 2018 begann und somit das arbeitsintensive Umsetzen der vielen Gedanken, die der vergangene Winter mit sich geführt hatte. Der Buchs blieb wichtiges Gestaltungselement, die bestehenden Thujas und Hortensien wurden ebenfalls integriert, schließlich haben sie ihre Daseinsberechtigung. Mehrere hundert Bienenfutterpflanzen und -Kräuter zogen ein, außerdem erkannte ich, wie viele einheimische Wildpflanzen bei genauerem Hinsehen bereits bei uns vorhanden waren. Und so standen wir im Handumdrehen mitten in der herausfordernden Neugestaltung, und dem damit verbundenen, ständigen Balancegang zwischen meinem Streben nach Geradlinigkeit, Überschaubarkeit und repräsentativer Symmetrie und dem Wunsch, die neu entdeckte, stille Schönheit des Einheimischen zu wahren, meiner ökologischen Verantwortung nachzukommen und dies -nicht zuletzt- auch meinen beiden Kindern mit auf ihren Weg zu geben.

Vorher-Bilder

Aktions-Bilder

Nachher-Bilder

Gartenstrukturen

Quadratmeter

1100 m²

Pflanzliste

Nach Monat des Blütebeginns sortiert:

Januar, Februar

Angepflanzt:

  • 200 x Wildkrokus (bestellt, aber noch nicht gepflanzt)
  • 100x Schneeglöckchen (bestellt, aber noch nicht gepflanzt)
  • 3x Nieswurz

Wildwachsend:

  • Habe ich zugegebenermaßen zu der Zeit noch nicht beachtet.

März

Angepflanzt:

  • 200x Traubenhyazinthe
  • 50x Hyazinthe
  • 5x Akelei
  • 5x Leberblümchen
  • 4x Duftveilchen

Wildwachsend:

  • Habe ich zugegebenermaßen zu der Zeit noch nicht beachtet.

April

Angepflanzt:

  • 20x Günsel
  • 10x Storchschnabel
  • 10x Thymian
  • 6x Erdbeere
  • 5x Steintäschel

Wildwachsend:

  • Ackerstiefmütterchen
  • Ehrenpreis (Persischer, Gamander, Gauchheil und Hain-)
  • Gundermann
  • Gänseblümchen
  • Hellerkraut
  • Hirtentäschel
  • Löwenzahn
  • Schachtelhalm
  • Schaumkraut (Behaartes und Wiesen-)
  • Storchschnabel
  • Taubnessel
  • Vogelmiere
  • Wiesenpippau

Mai

Angepflanzt:

  • 100x Salbei (10 Sorten, Zier- und echter, mit zeitlich versetztem Blühbeginn)
  • 90x Katzenminze (9 Sorten mit zeitlich versetztem Blühbeginn)
  • 50x Thymian
  • 25x Grasnelke
  • 20x Flockenblume
  • 20x Spargel
  • 15x Witwenblume
  • 10x Erbse (Mein Gemüse stammt aus einem Bioversand, sodass ich eigene Samen ziehen kann. keine Idee, wie das geht, aber probieren werde ich’s).
  • 6x Bauernhortensie
  • 8x Glockenblume
  • 5x Braunelle
  • 5x Mutterkraut
  • 1x Baldrian
  • 1 Kg Weißer Klee (Die Lösung für mein wie-bekomme-ich-die-blanke-Erde-zwischen-den-Stauden-weg-Problem lag, wie so oft, ganz nah: In unserem Rasen nämlich. Dort verbreitete sich weißer Klee, der uns im letzten Jahr, etwas radikal ausgebremst durch den Rasenmäher zugegeben, einen reinweißen Blütenteppich und viel Gesumm und Gebrumm beschert hatte. Gut für Insekten, Blütezeit von Mai bis Oktober, wozu bekämpfen, wenn das Optimale schon vor Ort ist? Also wurden Kleesamen überall in den Beeten zwischen die Stauden gesät.)

Wildwachsend:

  • Greiskraut
  • Hahnenfuß (Scharfer, knolliger und kriechender)
  • Kerbel
  • Klee (Horn-, Hasen-, kleiner und weißer)
  • Knöterich (Vogel-, Ampfer- und Floh-)
  • Spörgel
  • Vergissmeinnicht
  • Wegerich (Spitz- und Breit-)
  • Wicke

Juni

Angepflanzt:

  • 35x Sternmoos
  • 30x Kornblume
  • 15x Ziest (Zier- und echter)
  • 15x Oregano
  • 10x Schafsgarbe
  • 10x Felberich
  • 10x Buschbohne
  • 10x Einlegegurke
  • 6x Koriander
  • 5x Ehrenpreis
  • 5x Zitronenmelisse
  • 5x Beinwell
  • 5x Lupine
  • 5x Kartoffel
  • 5x Schleierkraut, ungefüllt
  • 3x Schnittlauch
  • 3x Pfefferminze
  • 1x Zucchini
  • 1x Kürbis
  • 1x Rosmarin

Wildwachsend:

  • Brennnessel
  • Einjähriger Knäuel
  • Feldmohn
  • Ferkelkraut
  • Filzkraut (Ich las, es sei in Deutschland selten zu finden. Habe also direkt noch fünf Pflanzen mehr aus dem Rasen in die Beete umgesiedelt).
  • Franzosenkraut
  • Gänsefingerkraut
  • Habichtskraut
  • Kamille (Hunds-, strahlenlose und echte)
  • Knoblauchhederich
  • Krötenbinse
  • Lichtnelke
  • Nachtschatten (meine Kinder lernen von klein auf um die Giftigkeit).
  • Sauerampfer (Kleiner und Wiesen-)
  • Sumpfruhrkraut
  • Weißer Gänsefuß

Juli

Angepflanzt:

  • 10x Duftnessel
  • 10x Eisenkraut
  • 5x Wasserdost
  • 3x Langblättriger Ehrenpreis
  • 2x Kugeldistel
  • 1x Liebstöckel
  • 1x Majoran

Wildwachsend:

  • Ackersenf
  • Beifuß
  • Blutweiderich
  • Disteln (Kratz-, Gänse- und zwei weitere Sorten)
  • Hohlzahn
  • Katzenschweif
  • Malve (Moschus- oder Rosenmalve, ich warte darauf, dass die Blüten sich öffnen).
  • Mädesüß
  • Weidenröschen (schmalblättriges und kleinblütiges)
  • Vielsamiger Gänsefuß
  • Wilde Möhre
  • Winterkresse

August, September, Oktober

Angepflanzt:

  • 100x Salbeiformen (2. Blüte)
  • 90x Katzenminzeformen (2. Blüte)
  • 15x Fetthenne
  • 15x Herbstanemone
  • Im Frühherbst ist ein Herbstbeet mit Astern und Chrysanthemen geplant.

Wildwachsend:

  • Noch nicht bekannt.

Gehölze:

  • 200 Thujas
  • 2200 Buchspflänzchen
  • 2 Baumhasel
  • 2 Apfelsäulen
  • 2 Birnensäulen
  • 1 Zwetschgensäule
  • 1 Kirschsäule
  • 1 Pflaumensäule
  • 1 Salweide am hinteren Wassergraben
  • Im Herbst sind ein Holunder, eine Himbeere und eine Brombeere im Naschgarten gegenüber der Obstsäulen geplant.

Zusammenfassung:

Eben las ich, dass es oligolektische, also ausschließlich auf eine bestimmte Pflanzenart spezialisierte, Bienen gibt. Komplizierte Tierwelt, also wirklich. Ich stellte fest, ungefähr die Hälfte dieser Bienen würden nun bei uns (zumindest für einen Zwischendurch-Snack…) fündig werden. Es wachsen hier mittlerweile Dolden-, Spargel-, Primel-, Weiden-, Hahnenfuß-, Bleiwurz-, Wegerich-, Nachtkerzen-, Karden-, Rauhblatt-, Dickblatt-, Malven-, Winden-, Kürbis-, Glockenblumen- und Hyazinthengewächse, außerdem Lippen-, Schmetterlings-, Kreuz- und Korbblütler. “Nix mehr ökologische Niete”, nickte ich zufrieden und winkte meinem immergrünen Barockgartentraum endgültig adé.

Informationen zur Gruppe

Familie Eberhardt, mein Mann, 32 Jahre alt, meine zwei Kinder, 3 und 1 Jahr alt, und ich, 30 Jahre alt. Lebend in einem Holzhaus in einem winzigen, nordfriesischem Dorf nahe der dänischen Grenze. Initiator des Ganzen bin ich, mein Mann sagt achselzuckend, er wäre auch mit der Rasen-Thuja-Fläche zufrieden gewesen, trotzdem steht er mit helfenden Händen an meiner Seite, ebenso wie meine beiden Lütten, die meistens bei Wind und Wetter mit mir im Garten herum wuseln. Mit "bienenfreundlichem Garten" assoziierte ich bislang ein eher unbändiges Wald- und Wiesenkonzept, möglichst naturnah, möglichst unberührt. Die stille Schönheit an solchen Orten vermag ich durchaus zu erkennen, aber meine Ideen für unseren Garten waren wohl eher das, was der bundesdeutschen Durchschnittsauffassung eines "gepflegten Gartens" entspricht. Ich möchte mit der Teilnahme an diesem Wettbewerb zeigen, dass "bienenfreundlich" nicht, wie anfangs irrtümlich von mir angenommen, notwendigerweise gleichbedeutend mit "verwilderter Wiesenlandschaft" ist. Und mein persönlicher Wandel trägt sich in die Welt: Meine Mutter pflanzt Bienenfutterpflanzen, eine Freundin übernahm die Klee-als-Bodendecker-Idee, meine Nachbarn pflanzen Bienenweidesträucher und -Blütensäume, und auch mein Schwiegervater möchte Wildbienennisthilfen in seinem Garten aufstellen. Und meine Oma schrieb mir gestern: "Liebste Enkelin, deine Mutter schickte mir deinen Bienengartenartikel. [...] Toll, einfach toll! [...] Deine olle Oma, die du so fröhlich gemacht hast."